Psychisch ist alles okay
Ich werde von den Besuchergruppen in Theresienstadt immer wieder gefragt, wie ich das denn hier aushalte, ob die psychische Belastung nicht extrem hoch wäre und so weiter. Ich kann nur eines sagen: Man gewöhnt sich dran. Das klingt ziemlich gefühllos, vor allem, wenn es um eine Thematik wie den Nationalsozialismus und den Holocaust geht, aber es ist wahrscheinlich die einzige Art, damit fertig zu werden.
Als ich angekommen bin, war ich ziemlich damit beschäftigt, die ganzen Daten auswendig zu lernen, die man braucht: Die geschichtlichen Hintergründe, die Jahreszahlen, wie viele Menschen waren hier, wie viele Transporte sind abgegangen… Das ist wirklich erstmal nur auswendiglernen.
Wenn man dann die Führungen gibt, dann gibt man eben das wieder, was man mal auswendig gelernt hat. Dabei versuche ich, nicht einen Text runterzurattern, sondern mir nur zu überlegen, was ich sagen möchte und das dann spontan zu einem Satz zusammenfüge. Es ist klar, das dabei oft falsche grammatikalische Konstruktionen rauskommen, aber ich finde das besser, als wenn man, Model “Tonbandkassette”, alles im gleichen Tonfall und völlig lethargisch wiedergibt. Alles schon erlebt.
Wenn ich das also die gleichen Dinge bei jeder Führung wieder erzähle, dann hat das auf mich meistens keinen großen Einfluss, ich weiß es ja eh schon. Aber ich kann mich noch ziemlich genau an meine erste Konfirmandengruppe erinnern:
Es waren nur ein paar Konfirmanden aus Sachsen, so um die 14 logischerweise. In der achten Klasse hat man meist in der Schule noch nichts über den Nationalsozialismus gelernt, und dann stehe ich oft da und muss in ein paar Minuten erklären, warum Juden verfolgt wurden und was damals mit ihenn geschehen ist. Es ist wirklich nicht einfach, und ich bin mir oft nicht sicher, ob die verstanden habe, wovon ich rede. Oft trauen sich auch nicht nachzufragen, auch wenn ich sie darum bitte.
Diese Gruppe allerdings war schon etwas vorbereitet und ich kam dann zum Thema “Kinder in Theresienstadt”. In Theresienstadt gab es eine sogenannte Jugendfürsorge als Teil der sogenannten “Jüdischen Selbstverwaltung”. Davon habe ich aslo erzählt. Am Ende habe ich dann gesagt, dass die Meisten der rund 15.000 Kinder im Ghetto den Krieg nicht überlebt haben.
In dem Moment wurde mir dann schlagartig bewusst: “Die, denen du das gerade erzählst, sind unter 16. Das heißt, dass sie bei einem im Ghetto sehr wahrschenlichen Transport nach Auschwitz alle direkt bei der Selektion in die Gaskammer gegangen wäre. Von denen hätte wahrscheinlich keiner überlebt.”
In dem Moment hatte ich dann total meinen Faden verloren. Solche Momente hat man einfach einige Male. Für die meisten Kinder ist ein Besuch dort schon schockierend genug, das sollte man denen dann nicht noch so deutlich sagen. Ein Betreuer allerdings fragte mit seinen Konfirmanden einmal knallhart, ab welchem Alter denn die Jugndlichen überlebt hätte und meinte dann zu seinen Gruppenmitgliedern: “Also ihr wärt damals alle gestorben.” Kein Kommentar.
Ich hätte das vorher nicht gedacht, aber noch wichtiger als die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sind für mich hier die Gruppen. Vor Dienstantritt hätte ich das nie gedacht, aber wenn mich abends noch was beschäftigt, dann hängt das meistens mit Besuchern zusammen. Sei es, dass sie besonders uneinsichtig oder interssiert waren, oder dass sie mich zum Nachdenken gebracht haben. Das sind dann auch meist die Sachen, die man irgendwo (also meist bei meinem Kollegen und Mitbewohner) loswerden muss.
Ich hatte wirklich nur einen schlimmen Traum in der ganzen Zeit: Ich saß in einer Zelle und sollte nach Auschwitz gebracht werden, weil ich Jude war. Ich habe die ganze Zeit erklärt, dass ich gar kein Jude sei und dass Juden völlig gleichberechtigte Menschen und kein bisschen besser oder schlechter als andere. Wirklich erinnern kann ich mich nur an die Verzweiflung, dass mich niemand verstehen wollte und dass mir niemand glaubte. Die “Seriösität” dieses Trauems wurde allerdings erheblich durch die Tatsache gestört dass Hagrid mir in der Zelle saß. Genau, der Halbriese aus Harry Potter. Der sollte nämlich weggebracht werden, weil er ein Halbblut war. Vielleicht ist doch bei mir nicht alles so okay…